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Welche Rolle spielen moderne biotechnologisch hergestellte Duftstoffe (z. B. durch Fermentation) im Vergleich zu klassischen synthetischen Rohstoffen?

Biotechnologische Duftstoffe: Was moderne Aromen in der Parfümerie wirklich verändern

Duftstoffe stammen längst nicht mehr nur aus Blüten, Hölzern oder Harzen. Neben klassischen Naturrohstoffen und synthetischen Komponenten stehen heute biotechnologische Verfahren wie Fermentation im Vordergrund. Sie liefern Duftbausteine, die bekannte synthetische Rohstoffe ergänzen – und teilweise ersetzen.

Die naheliegenden Fragen sind: Was bedeutet das für Qualität, Sicherheit und Umweltbilanz? Und merkt man das als Nutzer*in überhaupt?
Im Folgenden geht es darum, wie biotechnologische Duftstoffe entstehen, worin sie sich von klassischen synthetischen Komponenten unterscheiden und welche Rolle sie aktuell in der Parfümerie spielen.


Zwischen Natur und Labor: Wie sich die Duftwelt verändert

Traditionell kamen Duftstoffe aus zwei Quellen:

  1. natürlichen Rohstoffen pflanzlichen oder tierischen Ursprungs
  2. synthetischen Inhaltsstoffen aus der chemischen Industrie

Biotechnologisch gewonnene Duftstoffe bilden heute eine Art dritte Schiene.
Sie knüpfen meist an natürliche Ausgangsstoffe an, werden aber mithilfe von Mikroorganismen und Enzymen unter streng kontrollierten Bedingungen erzeugt.

Die Ziele dahinter sind unter anderem:

  • bestimmte Duftmoleküle gezielt herzustellen
  • natürliche Ressourcen zu entlasten
  • eine gleichbleibende Qualität sicherzustellen

Es geht dabei nicht um eine neue „Wunderklasse“ an Stoffen, sondern vor allem um alternative Herstellungswege für Moleküle, die wir zum Teil bereits kennen – aus der Natur oder aus der klassischen Synthese.


Wie biotechnologische Duftstoffe entstehen – und warum das relevant ist

Im Zentrum stehen biotechnologische Verfahren wie Fermentation und enzymatische Umsetzungen.

Typische Prozessschritte:

  • Auswahl geeigneter Mikroorganismen
    Hefen, Bakterien oder Pilze werden so ausgewählt oder optimiert, dass sie bestimmte Duftmoleküle produzieren können.

  • Fermentation unter definierten Bedingungen
    In Reaktoren erhalten die Mikroorganismen kontrolliert Nährstoffe, Temperatur und pH-Wert, bis sie die gewünschten Verbindungen bilden.

  • Aufarbeitung und Reinigung
    Die entstandenen Duftstoffe werden aus der Fermentationsbrühe herausgelöst, gereinigt und auf die angestrebte Reinheit gebracht.

Der Unterschied zur klassischen Synthetik liegt weniger im Endprodukt als im Weg dorthin:
Konventionelle Synthesen basieren häufig auf chemischen Reaktionen mit fossilen oder petrochemischen Ausgangsstoffen. Biotechnologische Verfahren greifen dagegen eher auf nachwachsende Rohstoffe zurück und nutzen biologische Reaktionswege.

Für die Parfümerie hat das praktische Konsequenzen:

  • bestimmte Duftprofile sind präziser und verlässlicher verfügbar
  • Ernteausfälle oder Qualitätsschwankungen natürlicher Rohstoffe (z. B. durch Wetterextreme oder Schädlinge) lassen sich teilweise abfangen
  • auch Moleküle aus seltenen oder schwer zugänglichen natürlichen Quellen können zugänglich gemacht werden, ohne diese Quellen weiter zu belasten

Typische Missverständnisse rund um moderne Duftstoffe

Rund um biotechnologische Duftstoffe kursieren einige Vorstellungen, die so nicht immer tragen:

  • „Biotechnologisch heißt automatisch natürlicher.“
    Der Prozess läuft zwar biologisch ab, das Ergebnis ist am Ende ein klar definiertes Molekül. Ob man es als „naturnah“ einordnet, hängt vor allem von der zugrunde liegenden Definition ab – nicht allein von der Produktionstechnik.

  • „Klassisch synthetisch ist grundsätzlich schlechter für die Haut.“
    Sowohl klassische synthetische als auch biotechnologisch gewonnene Duftstoffe können irritieren oder gut verträglich sein. Maßgeblich sind Struktur, Konzentration und die individuelle Empfindlichkeit, nicht der Weg, auf dem das Molekül entstanden ist.

  • „Biotechnologische Düfte riechen immer anders.“
    Das gleiche Molekül riecht gleich – egal, ob es aus einer Pflanze stammt, aus einer petrochemischen Synthese oder aus Fermentation. Die Nase kann den Herstellungsweg nicht „erschnüffeln“. Unterschiede entstehen eher durch Begleitstoffe oder Verunreinigungen.

  • „Biotechnologie ersetzt natürliche Düfte komplett.“
    In der Praxis ergänzen sich natürliche, synthetische und biotechnologische Komponenten. Die meisten modernen Düfte arbeiten mit einer Mischung aus allen drei Quellen.


Worauf Sie als Verbraucher*in achten können

Der konkrete Herstellungsweg eines Duftstoffs steht selten prominent auf dem Etikett. Trotzdem können Sie den Umgang mit Düften bewusst gestalten:

  • Empfindliche Haut ernst nehmen
    Wenn Ihre Haut schnell reagiert, sind reduzierte oder speziell formulierte Produkte sinnvoll – unabhängig davon, ob der Duftstoff natürlich, synthetisch oder biotechnologisch gewonnen wurde.

  • Duftstoffe in Leave-on-Produkten abwägen
    Alles, was auf der Haut bleibt (Cremes, Seren, Körperöle), hat lange Kontaktzeiten. Hier lohnt sich ein genauer Blick auf die Duftintensität und die eigene Reaktion – Duschgel ist in der Regel weniger kritisch, weil es wieder abgespült wird.

  • Herstellerinformationen nutzen
    Einige Marken kennzeichnen inzwischen, ob sie biotechnologische oder „grüne“ Verfahren einsetzen. Das sagt wenig über Ihre persönliche Verträglichkeit, aber etwas über den technologischen und ökologischen Ansatz des Herstellers.

  • Eigene Duftpräferenzen beobachten
    Ob ein Duft gefällt, entscheidet sich an der Gesamtkomposition, nicht am Etikett „natürlich“ oder „biotechnologisch“. Probieren, vergleichen, bewusst wahrnehmen hilft mehr als die reine Herkunftsdiskussion.


Kurz zusammengefasst

Biotechnologisch hergestellte Duftstoffe sind keine eigene Duftklasse, sondern ein moderner Weg, bekannte oder neue Moleküle zu produzieren. Sie können ökologische Vorteile bringen, die Versorgungssicherheit erhöhen und eine reproduzierbare Qualität ermöglichen.

Für Ihre Haut ist der Herstellungsweg nur ein indirekter Faktor. Relevant sind die konkrete Substanz, ihre Konzentration und Ihre individuelle Empfindlichkeit. Biotechnologie erweitert das Werkzeugset der Parfümerie – sie ersetzt weder die Natur noch die klassische Synthese vollständig.


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